»Meine Welt war ja nicht eine sozialistische Welt. Ich war ja Bürgerin in der DDR. Ich war nicht Bürgerin der DDR. Also ist der Zusammenbruch erst mal etwas gewesen, was mit mir zutiefst auch zu tun hatte, nämlich eine Form von Explosion, die wunderbar war. […] Plötzlich hatte ich Einladungen. Ich hatte Galerien und ich hatte so zu tun.«
*1939 in Jena, aufgewachsen in Gera
lebt und arbeitet in Gera und Wurgwitz bei Dresden
Malerei, Zeichnung, Grafik
Gerda Lepke entwickelt seit mehr als fünf Jahrzehnten eine Bildsprache, die von genauer Beobachtung ausgeht und das Gesehene malerisch verdichtet. Landschaft, Baum, Kopf, Körper und antike Skulptur bilden wiederkehrende Ausgangspunkte ihrer Arbeit. In Farbe, Linie und Bewegung lösen sich die Motive aus der unmittelbaren Gegenständlichkeit und gewinnen auf der Fläche eine eigene Form.
Weg und Werk
Gerda Lepke beschreibt Kunst als „innere Notwendigkeit“. Schon als Jugendliche zeichnet und schreibt sie, liest viel und sucht eigenständig nach Zugängen zu Kunst und Kultur. In ihrer Erinnerung an die Nachkriegszeit spielt auch die Erfahrung eine Rolle, als Mädchen nur wenige weibliche Vorbilder vorzufinden. Ihre Mutter bestärkt sie darin, die eigene Entwicklung ernst zu nehmen und sich dafür Zeit zu geben.
Zunächst führt ihr Weg in die Krankenpflege. In Güstrow und später in Dresden arbeitet Gerda Lepke als Kranken- und OP-Schwester. Ende der 1950er-Jahre begegnet sie der Bildhauerin Brigitte Grossmann-Lauterbach, die ihre Zeichnungen sieht und sie in ihrem künstlerischen Weg bestärkt. 1960 zieht Gerda Lepke nach Dresden. Ab 1963 besucht sie das Abendstudium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Ihren Lebensunterhalt verdient sie zunächst weiter im Krankenhaus; später übernimmt sie Nachtschichten. 1966 wechselt sie in das Direktstudium der Malerei und Grafik, das sie 1971 mit dem Diplom abschließt.
Die Studienjahre werden für Gerda Lepke zu einer wichtigen Phase der künstlerischen Erprobung. Sie hat Zeit, ein Atelier und die Möglichkeit, ihre eigenen bildnerischen Fähigkeiten genauer kennenzulernen. Lehrende wie Gerhard Kettner, Herbert Kunze und Jutta Damme geben ihr dabei wichtige Impulse. Zugleich gerät Gerda Lepke im Studium mit einem Kunstverständnis in Konflikt, das Malerei an gesellschaftliche und ideologische Vorgaben des Sozialismus binden wollte. Sie hält an ihren eigenen Vorstellungen fest. Im UNCOVER-Interview erinnert sie sich daran, dass Ende des dritten Studienjahres sogar eine Exmatrikulation im Raum stand. Seit ihrem Diplom 1971 arbeitet Gerda Lepke freischaffend. Den Lebensunterhalt verdient sie zunächst weiterhin mit Nachtschichten und unterschiedlichen Aushilfstätigkeiten. Zeitweise arbeitet sie zwei Wochen gegen Bezahlung und hält sich die folgenden zwei Wochen für die eigene Kunst frei.
Gerda Lepkes Malerei entwickelt sich aus der wiederholten Begegnung mit einem Gegenstand. Ein Baum, eine Landschaft, ein Kopf oder eine antike Figur können über Jahre hinweg Ausgangspunkt neuer Arbeiten sein. Beim Malen und Zeichnen verschieben sich Nähe und Distanz, Linien verdichten sich, Farbflächen geraten in Bewegung. In einem Interview von 1999 beschreibt sie diesen Prozess als ein Wechselspiel von Finden und Erfinden. Ihre Motive findet sie in der Natur ebenso wie in der Kunstgeschichte: Landschaften an Elbe und Ostsee, Bäume und Himmel ebenso wie der Pergamonaltar oder andere antike Skulpturen.
1989 erweitert sich Gerda Lepkes künstlerischer Bewegungsraum. Im Dezember gehört sie zu den Mitgründerinnen der Dresdner Sezession 89, die aus 23 Künstlerinnen und Kunstwissenschaftlerinnen hervorgeht. Der Zusammenschluss schafft einen gemeinsamen Rahmen für Austausch und für die öffentliche Präsenz künstlerischer Positionen von Frauen. Mit 1989 verändert sich auch Gerda Lepkes künstlerischer Bewegungsraum. Reisen, neue Ausstellungsorte und internationale Kontakte werden möglich; zugleich wächst die öffentliche Anerkennung. 1990 erhält sie den Kunstförderpreis der Stadt Bonn, 1993 den ersten Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden. Es folgen Ausstellungen in Museen und Galerien in Ost- und Westdeutschland, Lehraufträge und 1996 die Aufnahme als Gründungsmitglied in die Sächsische Akademie der Künste. Im selben Jahr entsteht ihr Atelierhaus in Gera-Leumnitz. Gerda Lepke selbst hat diese Jahre dennoch ambivalent in Erinnerung: Die neuen Möglichkeiten erweitern ihren Horizont, während sie zugleich erlebt, wie ostdeutsche Kunst nach 1989 neu bewertet und mitunter abgewertet wird. Ihre Arbeit setzt sie mit großer Kontinuität fort und gewinnt in den folgenden Jahrzehnten zunehmend institutionelle Aufmerksamkeit. Ihr Werk wird in Einzel- und Retrospektivausstellungen immer wieder neu gelesen.
Zuschreibung und Sichtbarkeit
Im Interview für UNCOVER sagt Gerda Lepke über ihr Leben in der DDR: „Ich war ja Bürgerin in der DDR. Ich war nicht Bürgerin der DDR. Sie bringt damit ihre Distanz gegenüber politischer Vereinnahmung auf den Punkt – und ihren Anspruch auf persönliche wie künstlerische Selbstbestimmung. Gerda Lepke studierte an einer staatlichen Kunsthochschule und geriet dort in Konflikte mit Vorstellungen eines „sozialistischen Menschenbildes“. Die Maßstäbe für ihre eigene Malerei suchte sie in der genauen Anschauung und in der Kunstgeschichte. Künstlerische Freiheit bedeutete für sie vor allem, dem eigenen Sehen und der eigenen Bildvorstellung zu folgen.
Wie konsequent Gerda Lepke ihr Leben auf die Kunst ausrichtet, zeigt ihr Atelierhaus in Gera-Leumnitz. 1996 baut sie es mit Hilfe von Freund:innen auf dem Grundstück ihrer Mutter. Große Fenster öffnen den Raum zum Garten; ein Baum vor dem Haus begleitet ihre Arbeit über viele Jahre. Alltag und Atelier liegen eng beieinander. Im UNCOVER-Interview beschreibt sie diesen Zusammenhang schlicht: Sie wolle „immer in Kontakt“ mit dem bleiben, woran sie arbeitet.
Auch als Künstlerin erlebt Gerda Lepke, wie stark Fremdzuschreibungen den Blick auf ihre Arbeit prägen können. Sie erinnert sich an eine Arbeit, deren Urheberschaft einem Mann zugeschrieben wurde: Aus ihrer Signatur wurde „Gerd Lepke“. Seit den frühen 1980er-Jahren signiert sie deshalb mit Vor- und Nachnamen. Der ausgeschriebene Name macht ihre Autorinnenschaft ausdrücklich sichtbar und setzt einer solchen Fehlwahrnehmung etwas entgegen.
Für UNCOVER ist Gerda Lepkes Position besonders aufschlussreich, weil ihre künstlerische Biografie mehrere politische und institutionelle Ordnungen durchquert und dabei von einer bemerkenswerten Kontinuität geprägt bleibt. In der DDR hält sie an ihrer eigenen Vorstellung von Malerei fest und schafft sich mit Nebenjobs Freiräume für die Kunst. Nach 1989 erweitern sich Reise- und Ausstellungsmöglichkeiten, zugleich erlebt sie, wie ostdeutsche Kunst neu bewertet und mitunter abgewertet wird. Auch geschlechtliche Fremdzuschreibungen prägen ihre Erfahrung als Künstlerin. Ihre ostdeutsche Herkunft erscheint dabei als Teil eines Lebens- und Erfahrungsraums, der ihren Weg und ihre Möglichkeiten mitbestimmt, ohne die künstlerischen Maßstäbe ihres Werks festzulegen. Konstant bleibt ihre Arbeit am Bild und die Suche nach einer eigenen Form für Schönheit, Lebendigkeit und menschliche Erfahrung.
Quellen:
1977
Öl auf Leinwand
1993
Tusche, Aquarell auf Japanpapier
1971
Lithografie
1976
Öl auf Leinwand
1980/81
Öl auf Leinwand
1997
Tusche, Aquarell auf Seidenpapier
1992
Algrafie
1995
Tusche, Aquarell, Deckweiss auf Japanpapier
1992
Algrafie