»Ich hatte mich schon so weit professionalisiert als Künstlerin, dass mein künstlerisches Schaffen an sich, was ich inhaltlich tue und wie ich arbeite, sich nicht verändert hat. Aber meine Bedingungen haben sich tatsächlich noch einmal verschärft: Ich habe noch weniger Zeit im Atelier, weil ich natürlich auch Zeit und Verantwortung für mein Kind übernehme.«
*1981 in Gera
lebt und arbeitet in Berlin
Grafik, Zeichnung, Video, Installation
Nadja Schütt verbindet Druckgrafik, Video und Installation zu räumlichen Situationen. Großformatige bedruckte Vorhänge lösen sich von der Wand, Hütten und Unterschlüpfe werden zu begehbaren Bildräumen, in denen Videoarbeiten erscheinen. Dabei arbeitet Schütt immer wieder mit Gegensätzen: harte grafische Strukturen treffen auf weiche Flächen, offene Durchgänge auf Begrenzungen, Schutzmotive auf Zeichen von Instabilität. Aus diesen Spannungen entwickelt sie eine Bildsprache, in der Fragen nach Rückzug, Zugehörigkeit, Sicherheit und Veränderung räumlich erfahrbar werden.
Weg und Werk
Nadja Schütt wächst in Gera-Lusan in einer Künstler:innenfamilie auf. Ihre Mutter arbeitet als freiberufliche Gebrauchsgrafikerin, ihr Vater als Fotograf. Das Atelier der Mutter liegt direkt neben der Familienwohnung; der Vater entwickelt dort Fotografien in einer Dunkelkammer. Papier, Farben, Kameras und grafische Arbeitsprozesse gehören früh zu Schütts Alltag. Vor allem ihre Mutter prägt ihr Bild vom Künstlerinnenberuf: Kunst erscheint ihr von klein auf als selbstverständliche Form von Arbeit und Lebensführung.
Den politischen Umbruch von 1989 erlebt Nadja Schütt unmittelbar im eigenen Umfeld. Familien aus der Nachbarschaft verlassen die DDR, Mitschüler:innen und ihre damalige beste Freundin sind plötzlich fort. Im Oktober begleitet sie ihre Eltern zu einer der Protestdemonstrationen in Gera. Sie erinnert die Situation als gespenstisch und angespannt: Die Familie bleibt nur kurz, weil noch ungewiss ist, wie die Sicherheitskräfte reagieren werden. Auch die Friedensdemonstrationen im Dezember bleiben ihr im Gedächtnis. Flucht, Protest und die raschen Veränderungen des Alltags verbinden sich in ihrer Erinnerung mit Unsicherheit, zugleich aber auch mit Aufbruch.
Auf die Unsicherheit von 1989 folgt eine Zeit rascher Veränderungen. Warenwelt, Straßenbild und zunehmende Arbeitslosigkeit verändern den Alltag in der Nachbarschaft; ihre Eltern stellen ihre gestalterische Arbeit früh auf digitale Technik um, Reisen werden möglich. Zwischen 1990 und 1995 erlebt Nadja Schütt in Gera zugleich einen kulturellen Aufbruch. Leerstehende Räume werden zu Ateliers, Bars, Konzert- und Ausstellungsorten, Künstler:innen verschiedener Generationen schaffen sich neue Freiräume. In Ausstellungen und Begegnungen mit zeitgenössischer Kunst erweitert sich ihr eigener Horizont. Aus diesen Jahren bleibt die Erfahrung, dass vermeintlich feste Verhältnisse innerhalb kürzester Zeit ins Wanken geraten und zugleich neue Möglichkeiten entstehen können. Eine solche Unsicherheit, sagt sie heute, „schwingt immer mit“.
1999 beginnt Nadja Schütt ihr Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Im Grundstudium stehen Zeichnung, Malerei und druckgrafische Techniken im Mittelpunkt; besonders interessieren sie die Werkstätten für Siebdruck, Radierung und Lithografie. Die Konzentration auf Malerei wird ihr jedoch bald zu eng. Als 2001 die Fachklasse für Neue Medien bei Lutz Dammbeck entsteht, wechselt sie dorthin. Video, Schnitt, Ton und digitale Bildbearbeitung erweitern ihr Repertoire. Projektionen beginnt sie zunehmend als Teil eines Raums zu denken.
Schon während des Studiums entsteht daraus ein Motiv, das ihr Werk langfristig begleitet. Für die Bundeskunsthalle Bonn entwickelt Schütt 2005 eine begehbare Installation aus einem goldenen Zelt, einem kleineren Zelt im Inneren und Videoarbeiten. Der gebaute Raum wird zur Hülle des Bildes. Später kehren solche Verschachtelungen als Hütten, Unterschlüpfe und Räume im Raum wieder.
Nach dem Studium und dem Meisterschülerabschluss zieht Nadja Schütt nach Berlin. Der Übergang aus der Hochschule verändert ihre Arbeitsmöglichkeiten grundlegend. Das Atelier und der institutionelle Rahmen fallen weg; für Miete und Lebensunterhalt arbeitet sie zunächst in verschiedenen Jobs. Zeitweise kommt ihre eigene künstlerische Arbeit fast vollständig zum Erliegen. Als sie wieder regelmäßiger im Atelier arbeitet, wird die Druckgrafik zu einem wichtigen Ausgangspunkt. Großformatige Hochdrucke treffen auf gesprühte Flächen, feste Strukturen auf offene und diffuse Partien. 2017 zeigt Schütt diese Arbeiten in der Gruppenausstellung Relics of Chaos im Haus am Lützowplatz. Bereits hier wird ein Spannungsverhältnis sichtbar, das ihr Werk weiter begleitet: das Aufeinandertreffen von Ordnung und Auflösung, klarer Setzung und offenem Prozess.
2018 führt Nadja Schütt mehrere Werkstränge in ihrer Einzelausstellung Idyll in den Kunstsammlungen Gera zusammen. Video, Druckgrafik und Installation greifen ineinander. Sechs großformatige bedruckte Vorhänge stehen frei im Raum; Besucher:innen können vor ihnen, hinter ihnen und zwischen ihnen entlanggehen. Eine Hütte nimmt erneut eine Videoarbeit auf. Schutz und Grenze, Innen und Außen, Rückzug und Ausgesetztsein werden aus unterschiedlichen Positionen erfahrbar.
Das Motiv des provisorischen Hauses entwickelt sie seither weiter. Im Kartenhaus von 2025 verbindet sie die elementare Form eines Hauses mit einer Konstruktion, deren Stabilität jederzeit gefährdet scheint. Die Bildmotive entstehen in einem mehrstufigen Prozess aus KI-generiertem Material, Fotografien und eigenen Zeichnungen, die Nadja Schütt anschließend von Hand weiterbearbeitet. Digitale und analoge Verfahren greifen dabei ineinander.
Für UNCOVER greift Nadja Schütt zwei zentrale Linien ihres Werks erneut auf. Eine begehbare Hütte bildet den Raum für eine Videoarbeit, während ein großformatiger bedruckter Vorhang die Druckgrafik aus der Wandfläche herausführt. Das Bild wird zum Gegenüber, zur Grenze und zum Bestandteil eines Raumes, den die Besucher:innen körperlich erfahren können.
Zuschreibung und Sichtbarkeit
Das Berufsbild, mit dem Nadja Schütt aufwächst, verändert sich nach 1989 grundlegend. Die freiberufliche künstlerische und gestalterische Arbeit ihrer Mutter war in der DDR in vergleichsweise verlässliche Strukturen eingebunden; nach dem Umbruch muss sich die Familie neu orientieren. Als Nadja Schütt selbst in den Beruf eintritt, spielen Galerien, Förderprogramme, Netzwerke und eigene finanzielle Ressourcen eine größere Rolle dafür, wie kontinuierlich gearbeitet und öffentlich ausgestellt werden kann.
Auch Geschlechterzuschreibungen beeinflussen diese Bedingungen. Die Mutter hatte früh vermittelt, dass eine Frau selbstverständlich Künstlerin sein kann. An der Hochschule erlebt Nadja Schütt dennoch sexistische Sprüche und Hierarchien; nach dem Studium beobachtet sie in ihrem damaligen Umfeld, dass Galerien vor allem männliche Absolventen aufnehmen. Für sie wird daran sichtbar, dass Geschlechterbilder nicht nur das Selbstverständnis von Künstler:innen berühren, sondern auch beeinflussen können, wessen Arbeit wahrgenommen, gefördert und institutionell vertreten wird.
Mit der Mutterschaft verändert sich der Takt ihrer Arbeit erneut. Atelierzeit wird knapper, Abendveranstaltungen, Reisen und längere Arbeitsaufenthalte werden schwieriger zu organisieren. Inhaltlich knüpft Nadja Schütt weiterhin an Themen an, die sie bereits zuvor beschäftigt haben.
Für UNCOVER ist Nadja Schütts Position besonders aufschlussreich, weil sich in ihrer Biografie zwei Generationen ostdeutscher Künstlerinnen miteinander verbinden. Den Künstlerinnenberuf erlebt sie zunächst über ihre Mutter in der DDR; ihre eigene Laufbahn entwickelt sich nach 1990 unter veränderten institutionellen und ökonomischen Bedingungen. Dabei macht sie zugleich Erfahrungen mit geschlechtsspezifischen Hierarchien, ungleichen Zugängen zu Galerien und später mit den zeitlichen Anforderungen von Mutterschaft und Care-Arbeit. An ihrer Schaffensbiografie wird damit konkret sichtbar, wie Herkunft und Geschlecht künstlerische Möglichkeiten und öffentliche Wahrnehmung beeinflussen können, ohne die Kunst selbst darauf festzulegen. Ihre Arbeiten übersetzen Erfahrungen von Unsicherheit, Schutz und Veränderung in eine eigenständige räumliche Sprache.
Quellen:
2018
Videoloop
Kunstsammlungen Gera
2018
Videoloop
Kunstsammlungen Gera
2026
Netzstoff, Collage
Foto © Philipp Jester
2026
Stoff, Holz, Papier
Foto © Philipp Jester
2005
Videoprojektion
Max-Planck Institut, Dresden
2018
Kunstsammlungen Gera
2017
Hochdrucke
Ausstellungsansicht
2018
Kunstsammlungen Gera
2018
MDF, Tapete, Video, Spiegel