»Isolation ist für mich natürlich immer schon so ein Thema gewesen, auch so ein bisschen Außenseiter sein. […] Ich habe mich ganz lange in meinem Leben nur wie der Beobachter von allem gefühlt und nie wie derjenige, der so Teil ist. […] Für mich ist es auch so ein Thema, wie man allein in diese Welt kommt und wieder geht.«
*1992 in Riesa
lebt und arbeitet in Berlin
Malerei, Fotografie
Vivien Schlechts Malerei entwickelt ihre Spannung aus wenigen, genau gesetzten Elementen. In den Porträts konzentriert sich der Blick auf Haltung und Ausdruck; in den Innenräumen übernehmen Licht, Architektur und Leere diese Rolle. Konturen können sich lösen, Flächen bleiben durchlässig, Farben verschieben sich in feinen Abstufungen. Bewusst offengelassene Stellen gehören zu ihrer Malweise und geben den Bildern Spannung.
Weg und Werk
Vivien Schlecht zeichnet und malt schon als Kind. Einen wichtigen Impuls erhält sie während der Schulzeit in Riesa durch ihren Kunstlehrer. In dessen Zeichenzirkel treffen Schüler:innen auf Erwachsene, die ebenfalls künstlerisch arbeiten und ihre Zeichnungen zur gemeinsamen Besprechung mitbringen. Mit dreizehn empfiehlt ihr der Lehrer eine Sommerakademie. Dort erlebt sie einen Moment, in dem der Gedanke an einen eigenen künstlerischen Weg plötzlich konkret wird.
Vivien Schlecht wächst in der Nachwendezeit in einem Neubaugebiet in Riesa auf. Die Stadt dieser Jahre prägt zugleich ihre Aufmerksamkeit für Räume und Abwesenheit. Die Folgen des politischen Umbruchs nach 1989 sind auch im Familienalltag spürbar. Die Mutter ist lange arbeitslos, Geld ist knapp, zuhause entstehen daraus Spannungen. Zugleich erlebt Vivien Schlecht eine aggressive rechte Stimmung im öffentlichen Raum und rassistische Anfeindungen im eigenen Umfeld. Die Schule erinnert sie dagegen als Schutzraum mit engagierten Lehrer:innen. Zeichnen und Malen werden in dieser Zeit auch zu einer Möglichkeit, sich zurückzuziehen, familiäre Spannungen zu verarbeiten und einen eigenen Ausdruck zu finden.
Familienfotos aus der DDR-Zeit zeigen die Straßen ihres Viertels noch voller Menschen und spielender Kinder; ihre Kindheit erlebt sie in einer Umgebung, die sich zunehmend leert. Als Jugendliche erkundet sie verlassene ehemalige Kasernen und beginnt sich zu fragen, was mit diesen Orten geschehen ist. Rückblickend prägen diese Erfahrungen ihre Wahrnehmung von Räumen und das wiederkehrende Gefühl von Isolation, das auch in ihrer Malerei eine Rolle spielt.
2011 beginnt Vivien Schlecht ihr Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, ab 2012 in der Fachklasse von Christian Macketanz. Für Dresden entscheidet sie sich auch aus finanziellen Gründen. Sie möchte ausdrücklich Malerei studieren und schätzt das dortige Grundstudium; andere Hochschulen interessieren sie ebenfalls, doch etwa Düsseldorf erscheint kaum bezahlbar. Das Studium lässt sich mit BAföG, günstiger Miete und knappem Budget finanzieren, verfügbares Geld fließt möglichst in Material.
Die Nähe zu den Dresdner Kunstsammlungen prägt die Studienzeit stark. Den freien Eintritt über die Hochschule nutzt Vivien Schlecht intensiv: Fast täglich ist sie entweder im Atelier oder im Museum. Besonders das damals neu gestaltete Albertinum und die Malerei in der Sammlung ziehen sie an. Eine Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit mit mehreren Positionen von Künstlerinnen der 1920er-Jahre bleibt ihr bis heute als prägend in Erinnerung.
2017 schließt Vivien Schlecht mit dem Diplom ab und bleibt anschließend noch zwei Jahre als Meisterschülerin bei Christian Macketanz an der Hochschule.
Schon in diesen Jahren entwickeln sich zwei Werkgruppen, die bis heute miteinander in Beziehung stehen: Porträts und Innenräume. In Festhalten von 2017 steht eine einzelne Figur im Zentrum. Der reduzierte Bildraum bündelt den Blick auf Gesicht, Haltung und Präsenz. Für Vivien Schlecht liegt die Qualität des Porträts gerade darin, eine Stimmung dauerhaft im Bild zu binden, ohne sie vollständig sprachlich festzulegen.
Neben den Porträts entwickelt Vivien Schlecht eine Gruppe stiller Innenräume. In 4 Räume, 3 Stühle von 2017/18 führt der Blick durch mehrere hintereinanderliegende Zimmer. Türen öffnen weitere Blickachsen, Stühle markieren Anwesenheit, obwohl kein Mensch zu sehen ist. Einen kunsthistorischen Bezug findet Vivien Schlecht in den Interieurs des dänischen Malers Vilhelm Hammershøi. An ihnen interessiert Vivien Schlecht besonders die stille Raumwirkung. Für die eigenen Bilder kommen malerische Fragen hinzu: Wie lässt sich Licht führen? Wie verändern kleine Abstufungen zwischen warmen und kalten Farbtönen die Wirkung eines Raumes?
Offenheit ist dabei auch ein malerisches Prinzip. Ein Bild darf für Vivien Schlecht unterschiedliche Grade der Ausarbeitung behalten. Einzelne Partien sind stärker gefasst, andere bleiben leicht und durchlässig. Für Vivien Schlecht gehört diese Offenheit zum fertigen Bild. Sie ermöglicht jene Verbindung von gegenständlicher Darstellung und abstrakter Fläche, die sie auch heute als wesentlich für die eigene Malerei beschreibt. Beim Arbeiten wechselt sie zwischen mehreren Bildern, lässt Abstand entstehen und prüft immer wieder, ob sich die gesuchte Stimmung eingestellt hat.
Nach dem Diplom zieht sie nach Berlin. Ein Atelier hat Vivien Schlecht bereits in Aussicht, Verkäufe aus der Diplomausstellung verschaffen zunächst etwas Spielraum. Zwei Jahre arbeitet sie freiberuflich für eine Stiftung und teilt ihre Woche zwischen Erwerbsarbeit und Atelier. Als die Unsicherheit der Selbstständigkeit belastend wird, wechselt sie in eine Festanstellung im Marketing. Zunächst malt sie weiter und stellt aus; mit wachsenden beruflichen Anforderungen tritt die Kunst stärker zurück.
Zuschreibung und Sichtbarkeit
Schon die Wahl der Kunsthochschule ist für Vivien Schlecht eng mit finanziellen Möglichkeiten verbunden. Dresden lässt sich mit BAföG und begrenzten eigenen Mitteln finanzieren; andere Studienorte scheiden auch wegen höherer Lebenshaltungskosten aus. Ökonomische Bedingungen bestimmen damit früh mit, welche Ausbildungswege für sie praktisch möglich sind.
Geschlechterverhältnisse nimmt Vivien Schlecht zunächst kaum als persönliche Begrenzung wahr. Ihr frühes Verständnis einer weitgehenden Gleichstellung von Frauen und Männern führt sie selbst auch auf ihre ostdeutsche Prägung zurück. Erst als junge Erwachsene begegnet sie Strukturen, in denen diese Gleichheit keineswegs selbstverständlich ist. Auch auf ihre Studienzeit blickt sie heute kritischer. Sie erinnert Situationen, in denen eigenes Unbehagen wenig Gehör fand, und beschreibt rückblickend, dass ihr damals teilweise noch die Begriffe und der Abstand fehlten, solche Machtverhältnisse klar einzuordnen.
Für ihren weiteren Weg wird schließlich die Frage zentral, wie sich Kunst, finanzielle Sicherheit und der Wunsch nach Familie miteinander vereinbaren lassen. Vivien Schlecht entscheidet sich bewusst dafür, zunächst eine berufliche Grundlage außerhalb des Kunstmarkts aufzubauen. Die Festanstellung bietet ihr Sicherheit für Schwangerschaft, Elternzeit und Familienleben. In den folgenden Jahren tritt die Malerei zunehmend in den Hintergrund. Ihre Vorstellung von der eigenen künstlerischen Arbeit verschwindet jedoch nicht: Bildideen entstehen weiter, als Notizen, Skizzen und geplante Zyklen. Heute beschreibt Vivien Schlecht die erreichte finanzielle Stabilität ausdrücklich als Voraussetzung dafür, der Malerei wieder mehr Raum geben zu können.
Für UNCOVER erweitert Vivien Schlecht den Blick auf ostdeutsche Künstler:innen um die erst nach 1989 geborene Generation. Die DDR kennt sie aus Familienerzählungen und Fotografien, die Nachwendezeit erlebt sie selbst: Familienfotos von belebten Straßen stehen in ihrer Erinnerung leerer werdenden Wohngebieten, verlassenen Gebäuden und dem Gefühl von Isolation gegenüber. Vivien Schlecht selbst stellt eine Verbindung zwischen diesen Erfahrungen und ihrer Wahrnehmung von Räumen her. In ihrer Malerei finden Isolation und Beobachtung eine eigene bildnerische Form: in stillen Innenräumen, vereinzelten Figuren und im Spiel mit Anwesenheit und Abwesenheit. Zugleich zeigt ihre Schaffensbiografie, dass künstlerische Kontinuität und öffentliche Sichtbarkeit unterschiedliche Verläufe nehmen können: Auch in Jahren geringer Präsenz im Kunstbetrieb können Bilder, Ideen und ein künstlerischer Blick weiterbestehen und zu einem späteren Zeitpunkt erneut Raum gewinnen.
Quellen
2017
100x 70 cm
Öl auf Leinwand
30x40 cm
Öl auf Leinwand
2016
Öl auf Leinwand
2017
Öl auf Leinwand
2017
Öl auf Leinwand
2019
30x20 cm
Öl auf Leinwand
2025
70 x50 cm
Öl auf Leinwand
2026
Öl auf Leinwand
2019
Öl auf Leinwand